Knack, Knackig, am Knackigsten…?

Aktualisiert: 15. Juli 2018

Eine Erörterung, ob und wie hilfreich selber “einrenken” für den Körper ist


Jeder hat ihn schon einmal erlebt. Den Arbeitsplatznachbarn, den Pumper im Fitnessstudio oder S-Bahn-Nebensitzer, der sich gefühlt im Halbstundenrhythmus einmal jedes Gelenk beginnend beim kleinen Finger, hoch bis zum Hals, unter Armhaare-aufstellendem Geräusch, “durchknackt”. Brrr! Jedes Mal erinnert es mich an die zu langen Fingernägel meiner Grundschullehrerin, die mindestens zweimal pro Stunde an der Kreidetafel entlang quietschten. Ein ebenso wenig attraktives Geräusch. Dabei sollte man meinen, wäre genau dieses kleine Knacken mein Lieblingston auf der Tonleiter.


Ja und nein.


In meinem Job als Chiropraktorin gibt es tatsächlich nichts Besseres am Tag, wenn man, mal unter lautem Knack-Getöse und mal auch nur durch einen stummen, ausschließlich fühlbaren Klick, einen Körper gezielt von Blockaden und Funktionseinschränkungen befreien und einem Patienten Schmerzen nehmen und Wohlgefühl geben kann.


Die meisten Menschen sind leider zu Schreibtischtätern mutiert. Durch das lange und oft falsche Sitzen werden besonders Nacken und Schultern irgendwann steif und schmerzhaft. Oft höre ich Leute darüber berichten, wie sie sich immer wieder selber “einrenken” um sich besser zu fühlen. Eine kleine Verdrehung, “Knack” und Nacken und Rücken fühlen sich wieder beweglicher an. Eigentlich ganz praktisch. Wofür braucht man dann überhaupt noch Chiropraktoren? Wer selber ein “Knacki” ist oder einen kennt, dem wird aufgefallen sein, dass dieses gute Gefühl, welches sich nach so einer “Verrenkung” einstellt, blöderweise in der Regel nur von kurzer Dauer ist.

Foto: shutterstock

Wieso ist das so?

Im Grunde muss man sich die Wirbelsäule einmal bildlich vorstellen. Wir nehmen als Beispiel die Halswirbelsäule. Wir haben 7 Halswirbel, die übereinander sitzen und getrennt sind durch kleine Gelenke und jeweils einer Bandscheibe - einer gelartigen Masse, die Stauchungen abfedern soll. Durch verschiedene Faktoren wie schlechte oder monotone Haltung und Bewegung, Stress usw, kann es passieren, dass sich zwei übereinander sitzende Wirbel nicht mehr optimal zu- und miteinander bewegen. Das merken wir beispielsweise durch Bewegungseinschränkungen, Verspannungen, Kopfschmerzen und Schwindel. Versuchen wir dann dieses Spannungsgefühl durch eine Überdehnung und daraus resultierendes Knacken zu lösen, fühlt sich das oft erstmal recht gut an.


Woher kommt das?

Das Knackgeräusch entsteht, wenn in einem Gelenk ein Überdruck gelöst wird; ähnlich dem “Plopp” beim Öffnen einer Sektflasche. Jenes Gelenk fängt an sich mehr zu bewegen und wir fühlen uns befreit. Außerdem werden bei der Gelenkjustierung (der spezifischen Korrektur blockierter Gelenke) im Körper verschiedene chemische Stoffe ausgeschüttet. Das ist ziemlich beeindruckend, denn darunter fallen unter anderem das Hormon Oxytocin. Dieses spielt auch bei der Geburt eine große Rolle. Gern wird es als das “Kuschelhormon” bezeichnet und soll die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind fördern. Außerdem haben Forscher herausgefunden, dass der Cortisolspiegel im Blut je nach justierter Region, entweder ansteigen oder fallen kann. Cortisol ist das wichtigste Anti-Stress-Hormon in unserem Körper. Es reguliert den Blutdruck und ist ein wichtiger Baustein, wenn es darum geht Entzündungen einzudämmen.


Eigentlich klingt das ja alles ziemlich gut, oder? Warum ist es dann so problematisch, wenn man sich selber regelmäßig diese Wohltat gönnt?

Die Ursache warum das Verlangen nach einem erneuten Einrenken in Eigenregie so schnell wiederkommt ist ganz einfach. Wir sind selber viel zu unspezifisch. In 99 % der Fälle erreicht man die eigentliche Blockade nämlich nicht. Wo eine Wirbelblockade genau sitzt und in welche Richtung sie gelöst werden muss, erlernen Chiropraktoren während ihres 5 jährigen Studiums. Der Schmerz sitzt häufig dort, wo der Körper versucht die eigentliche Blockade zu kompensieren. An diesen Stellen, meist über und/oder unter der Blockade, sieht man nicht selten eine Überbeweglichkeit. Diese wird durch ständiges Überdehnen unnötig weiter gefördert. Die Wirbelsäule hat in diesem Fall also einen Teil, der sich gar nicht bewegt und blockiert ist, und drum herum viel zu viel Bewegung. Das ist für unsere Biomechanik problematisch. Es kommt zu Fehlbelastungen und das Arthroserisiko steigt. Arthrose bezeichnet den chronischen Verschleiß von Gelenken, ist nicht heilbar und im fortgeschrittenen Stadium ziemlich schmerzhaft.


Deshalb - lasset die Armhaare eurer Mitmenschen anliegen und sucht euch professionelle Hilfe für eure Beschwerden.

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